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Als die Aida Cara 1996 zum ersten Mal mit ihrem Kussmund in See stach, da war das ein ungeheuerliches Produkt für die Deutschen. Etwas, das sich von der elegant-tantenhaften Atmosphäre auf dem ZDF Traumschiff so unterschied, wie eine hedonistische Yacht vor Nizza vom Törtchendampfer auf dem Wannsee. Keine Konventionen, keine Zwänge, keine betuliche Inneneinrichtung mit Schnörkelgeländer und Raff-Vorhängen, keine Tischordnung, kein Tanzpaar und Moderator im Glitzerjacket – für eingefleischte Kreuzfahrer – und derer gab es nicht sehr viele in Deutschland – klang es wie Anarchie auf allen Decks. Kein Wunder: es waren ehemalige Robinson-Manager um Johann Friedrich Engel, die sich dieses Konzept ausdachten. Sie wollten Menschen auf die Meere bringen, die beim Traumschiff eher einen Pickel auf der Nase spürten, denn Reiselust. Und für die Deutsche Seereederei in Rostock – damals noch mit Konsul Horst Rahe, war es die letzte und einzige Chance, zu überleben. Das Konzept schlug ein, wie eine Bombe. Mittlerweile gibt es sieben Aidas. Ein Ende ist nicht in Sicht. Und weit über 12.000 Menschen müssen Woche für Woche begeistert werden… Das ist Erfolg und Fluch zugleich. Denn was kann bei so einer Massenbewegung noch übrig bleiben von der lustvollen Anarchie, mit der man gestartet ist? Darum soll es in diesem Reiseradio gehen. Um den Blick hinter die Kulissen und den Wandel im Zeichen des Kussmunds. Wir sprachen mit dem Chefentertainer, dem Clubdirektor, dem Küchenchef, der Umweltoffizierin – und natürlich mit dem Kapitän.
(ab 03:50) Auf unserer Reise war Premyslav Kurc der Kapitän des Spaßdampfers. Nun bin ich Prem schon seit vielen Jahren bei unzähligen Drehs auf der Aida begegnet – in verschiedenen Funktionen. Sehen Sie mir deshalb nach, dass unser Gespräch nicht so ernst verlief, wie es sich vielleicht gegenüber einem goldbestreiften Offizier auf der Brücke eines normalen Cruiseliners geziemen würde…
(ab 20:10) Während auf den meisten amerikanischen Schiffen schon lange Hullygully mit Anfassen gilt, mit dem unbedingten Willen der Gäste zum Amüsemang und befeuert durch absolutes Powerselling von süßen alkoholischen Drinks aus Plastikbechern, war der europäische, und speziell der deutsche Kreuzfahrtmarkt exakt so, wie es Wolfgang Rademanns Tramschiff im ZDF perfekt vorinszenierte. Gepflegt, gesittet, gemächlich, genussvoll. Leider auch ein wenig geriatrisch. Und dann, rumms, kam die Aida. Karneval bis zum Horizont. Vor allem ein Name repräsentierte in den ersten Jahren das Konzept: Ernie Noelle. Der legendäre erste Clubchef aus dem Entwicklerteam, an dem sich keiner messen konnte. Er hatte Starkult mit Autogramstunden auf der ITB. Und spätestens, als die Aura und Vita kamen, gab es ein Problem: die Menschen fragten nämlich vor der Buchung im Reisebüro, auf welchem Schiff Ernie denn als Clubvater unterwegs war. Da schrillten in Rostock die Alarmglocken. Denn eines wurde den Managern der zweiten Generation schnell klar. Ebenso wie an Land die Robinson Clubs, musste auch die Aida erwachsen werden. Party ist schön, aber zu viel Party für zu viele Menschen lässt sich nicht durchhalten, wenn man wachsen möchte und muss als Produkt. Als ich nun Joe Zacharias gegenübersaß, dem heute so genannten Chefentertainer, mit seinem blütenreinen Offiziershemd, da war ich zugegeben etwas zwiegespalten. Ein hochprofessioneller Mensch… und hinter ihm schimmerte Ernie Noelle durch, der kein 2-Minuten-Interiew ohne Faxen durchstehen konnte im früher üblichen permanenten Kindergeburtstag für Erwachsene. Aber wahrscheinlich muss man heute so sein, wie Joe, weil die Gäste nicht mehr Ernie sind.
(ab 31:30) Kreuzfahrt ist ein Synonym für Völlerei. Diese nicht enden wollenden Speisekarten, weil das Restaurant mit Freitreppe das wichtigste Animationsprogramm des Tages ist. Nun, auch auf der Aida wird mächtig gefuttert. Je größer die Schiffe, desto mehr Restaurants. Und obwohl es auf den Aida Schiffen die wahrscheinlich besten Fitness-Center auf den Weltmeeren gibt und riesige Wellnessbereiche mit Panorama-Saunen und Kräuteraufgüssen – es ist unmöglich, das Schiff nach einer Woche mit weniger Gewicht wieder zu verlassen. Es sei denn, man hatte Magen-Darm-Grippe. Auf den Büffets türmen sich Unmengen von Speisen, in den Spezialitätenrestaurants ist kaum ein Platz zu bekommen – und dann sitzt da ein oberster Küchenchef in seinem winzigen Büro, und hat keinen Kochlöffel in der Hand, sondern die Computermaus. Und als ich Rainer Stier traf, hatte ich natürlich den Probierlöffel im Kopf und den kleinen Salzstreuer am Pass, bevor die Tabletts die Küche verlassen. Und angesichts der Mengen an Tabletts wurde mir schnell klar wie unsinnig diese Vorstellung ist.
(ab 39:40) Spätestens, wenn der Maschinist auf den Zündknopf drückt und die Dieselgeneratoren anlaufen, dann sollte man tunlichst nicht zu intensiv den markanten Schornstein beobachten, der den Schiffen die möglichst elegante Silhouette verschafft. Da rußt und raucht es gewaltig. Und ich kann mich erinnern, dass auf der ersten Cara der Sonnenbereich ganz achtern die Wäscherei zum Wahnsinn trieb wegen all der Rußpartikel auf den Frotteehandtüchern. Die Gäste übrigens auch.Nun hat sich viel getan in den Jahren. In der Technik, aber vor allem auch im Bewusstsein. Es sind zwar weltweit vergleichbar wenige Kreuzfahrschiffe unterwegs in Bezug zu Autos oder Flugzeugen. Aber Umweltschutz ist ein ernstes Thema. Auch auf einem Spaßschiff.Und gerade , wenn man draußen allein ist bis zum Horizont, dann könnte ja die Versuchung groß sein. Aber dafür ist Aida – übrigens Tochter der weltgrößten amerikanischen Carnival – zu professionell. Damit die Anstrengungen aber nicht nur in schönen Worten im Nachhaltigkeitsbericht stehen bleiben, leistet man sich Umweltoffiziere mit weitreichenden Komeptenzen. Mit einer sprach ich: Karin Erlach.
(ab 49:15) Der Clubdirektor. Die Mutter, die Seele. Der Grüss-August, immer auf Rundgang zwischen den Gästen, nie um einen coolen Spruch verlegen, immer bereit für einen Schwatz, einen Drink an der Bar und eine Pointe auf der Bühne. Das ist das legendäre Bild aus alten Tagen. Der Herbergsvater von der Spaßstelle.Auch auf den erste Clubschiffen hat man es so gehalten. Bewusst ein wenig bösartig gegenüber den oft etwas steifen Kreuzfahrt-Direktoren auf normalen Schiffen, die eher ihre Goldtressen spazieren führten. Nun hat sich die Aida so massiv geändert in Richtung Mainstream. Was bedeutet das denn nun für das Selbstverständnis des höchsten Offiziers neben dem Kapitän? Das fragte ich Michael Kliever.
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